Was versteht man unter dem Begriff "First Line" in der Medizin?

Das „Mittel der ersten Wahl“ zur Behandlung von Krankheiten ist in der Medizin ein feststehender Begriff – oft auch als First-Line-Behandlung genannt.  Anhand der Gerinnungshemmer lässt sich gut erklären, was man hierunter versteht.

Seit nunmehr fast 50 Jahren ist Phenprocoumon (Marcumar®) - ein sog. Vitamin-K-Antagonist - in Deutschland, Österreich und der Schweiz das Mittel der ersten Wahl, um die Blutgerinnung zu hemmen. Mit den „neuen Gerinnungshemmern“ (siehe auch ‚Die Gerinnung’ Nr. 48, Seiten 3-5) wird die Palette derjenigen Medikamente erweitert, die zur Behandlung bei tiefen Beinvenenthrombosen oder zur Vorbeugung von Schlaganfällen bei Vorhofflimmern eingesetzt werden. Allzu verständlich ist es, dass nun wissenschaftliche Diskussionen über den Einsatz dieser neuen Gerinnungshemmer intensiv geführt werden. Die Streitfragen spiegeln sich in den medizinischen Fachzeitungen wieder. So schrieb Dr. Jack Ansell, New York, (Circulation; 2012;125:159-164) „dass es noch zu viele Unbekannte gibt und daher die Vitamin-K-Antagonisten ‚als Mittel der ersten Wahl’ bestehen bleiben sollten“. Gegensätzliche Antworten darauf gab es prompt.

Christopher B. Granger, Durham, (Circulation; 2012:159-164) schrieb, Wenn mit Vitamin-K-Antagonisten behandelt wird, brechen immer noch zu viele Patienten die Behandlung ab.

Auf der 8. Internationalen Patienten/Ärzte-Konferenz der ISMAAP 3. bis 5. Oktober 2012 in Wien wies Prof. Torben Bjerregaard Larsen, Ålborg, Dänemark, darauf hin, dass aus seiner Sicht ‚das Mittel der ersten Wahl’ das Selbstmanagement ist. Hierdurch werde die Qualität der Behandlung mit Gerinnungshemmer verbessert. Diese Meinung vertrat auch Prof. Hugo ten Cate, Maastricht, Niederlande, dass Vitamin-K-Antagonisten sehr effektiv und ziemlich sicher sind, vorausgesetzt das eine gute INR-Kontrolle besteht.

Die Arzneimittelkommission der deutsche Ärzteschaft hat aktuell einen Leitfaden (19.10.2012 http://www.akdae.de/Service/Newsletter/Archiv/News/Archiv/2012-172.html) für die Gerinnungshemmung des Vorhofflimmerns herausgegeben in dem unter anderem steht: „Die INR-Selbstbestimmung verbessert die Behandlungsqualität, die sich unter anderem in einer Reduktion von thrombembolischen Ereignissen ausdrückt.“

Einbeziehen in diese Überlegung sollte man auch die Arbeit der vielen Selbsthilfegruppen hier in Deutschland, die Arbeit der nationalen Herzstiftungen sowie der Patientenorganisationen wie die INR-Austria und INRswiss. Der Austausch untereinander aber auch die vermittelte patientenbezogene wissenschaftliche Information sind mehr als hilfreich. Auch der antikoagulierte Patient soll sich ein Bild darüber machen, was für ihn ‚das Mittel der ersten Wahl’ ist. 

Christian Schaefer (Dezember 2012)